Theater einBLICK
Die Ehe als sportliches Event?
»Der Videobeweis« im Leporello des DT Göttingen faszinierte mich insbesondere durch die Beschreibung, dass es sich um eine Ehekomödie handelt. Videobeweise sind mir bekannt aus dem Sport oder aus Unfallvideos einer Dashcam. So wurde ich neugierig auf diese Produktion des DT Göttingen, die ich mir ansah.
Die Komödie des heute 56-jährigen französischen Autors Sébastian Thiéry in der deutschen Übersetzung von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand zeigt ein Ehepaar, das plötzlich mysteriöse Videos zugesandt bekommt. Die Eheleute wurden und werden heimlich in ihrer eigenen Küche gefilmt und nacheinander kommen Lügen, Geheimnisse und Probleme beider Partner ans Licht: die Ehefrau nimmt sich beispielsweise Geld aus dem Portemonnaie, der Ehemann wirft heimlich Essen in Abwesenheit seiner Ehefrau weg, welches ihm nicht schmeckt. Die Uraufführung fand 2023 in Paris statt, die deutschsprachige Erstaufführung 2025 in Hamburg.
In einer meisterhaften lebendigen Darstellung spielen Judith Strößenreuther und Volker Muthmann diverse Szenen aus dieser Ehe, wie sie diese Videos erhalten und den Umgang damit. Fast könnte man meinen, beide Künstler vermitteln in ihrer exzellenten Darbietung, dass sie selbst solche Szenen wie im Stück auch privat kennen und diese Darstellung ihnen große Freude bereitet. Die ernsten Fragen von Beziehungen z. B. von Trennung, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit und das ›Überschwemmtwerden‹ von Affekten kommen authentisch an.
Der Schnelligkeit des Wortwechsels können die Zuschauenden gut folgen. Die beeindruckende Beobachtung der Kommunikation der Eheleute durch den Autor zeigt sich ganz unterschiedlich: immer wieder falsches Verstehen des gesprochenen Textes des/der Partners/in oder auch bewusste Ablenkung von der Situation mit manchmal hilflosen auch kostspieligen Aktionen – das Smartphone wird in das sprudelnde kochende Wasser auf der Herdplatte geschmissen – und verbale verletzende ›Aktionen‹ und auch Lügen.
Das Publikum folgte der Inszenierung von Jürgen Strauch begeistert – es lachte, wurde aber auch nachdenklich an schwierigen Stellen, wenn z. B. es um ungelöste Beziehungsfragen ging. Zwischen den einzelnen Szenen konnten die Zuschauer ›gedanklich aufatmen‹ durch die Verbindung der einzelnen Szenen durch Tanz- und Musikeinlagen. Durch die Aufführung im Theaterkeller wurde eine gute Verbindung zwischen Schauspielern und Publikum hergestellt.
Das von Johannes Frei entworfene Bühnenbild ergänzt mit einer Multifunktionsküche mit einem Küchentisch, an dem Menschen gleichzeitig kochen und essen und auch am Laptop arbeiten können und einem Nebenraum und einem Ein-/Ausgang die Inszenierung. Die ebenfalls von Johannes Frei entworfenen Kostüme passen gut zur entsprechenden Lebens-Situation.
Das Theaterstück wird in einem meist lebendigen Dialog aufgeführt. Einzelne Szenen beginnen als nachdenklicher Monolog, bei dem einer der Ehepartner in den Raum kommt und in Abhängigkeit der Situation sich ein Streitgespräch ergibt oder hilflose Aktionen ausgeführt oder unbeantwortbare Lebensfragen gestellt oder diskutiert werden.
Die Komödie regt Überlegungen zu der Entwicklung des Videobeweises an, z. B. der Notwendigkeit in der Sportwelt mit Überlegungen, ob eine Ehe nicht auch als ein sportliches Event gesehen werden könnte. Es taucht auch die Frage auf, ob Menschen sich tatsächlich kontrollieren und streiten ›müssen‹, wer denn Recht hat und dieses z. B. durch einen Zeugen oder Videobeweis geklärt werden muss. Dies erinnert z. B. an die frühere juristische ›Technik‹ mit Beweisen für die Ehescheidung, wo nach dem Schuldprinzip eine Ehe mit vielen problematischen Folgen z. B. der wirtschaftlichen Benachteiligung geschieden wurde.
Am Ende seines Theaterstückes beschreibt der Autor sensibel die Situation, dass mit sogenannten Fehlern des anderen konstruktiv umgegangen werden kann und jede Beziehung ihre eigene Lösung finden kann oder müsste. Trotz heftigster Konflikte lernen beide Ehepartner am Ende die Sprache des anderen zu verstehen und damit umzugehen. Menschen können eine ›quasi‹ falsche Antwort geben und der Partner kann mit dieser falschen Antwort umgehen. In berührender Darstellung bietet die Ehefrau am Ende des Theaterstückes und gleichzeitig im Seniorenalter dem Partner eine Tasse Tee an, die dieser ablehnt. Als die Ehefrau sich selbst eine Tasse hinstellt, trinkt der Partner diese gerne. Die Ehefrau kann damit gut umgehen und versteht die Sprache ihres Mannes: das »Nein« war eigentlich ein »Ja«. Es braucht keine Diskussion und keinen Beweis.
Der Zuschauer kann nun in optimistischer heiterer Stimmung das Theater verlassen. Er kann jedoch auch mit philosophischen Gedanken z. B. zu Wahrheit und Lügen, kulturellen und soziologischen Veränderungen und Wirklichkeit sich auseinandersetzen, wenn er das möchte.
