Theater einBLICK
Hab Mut, dich deines eigenen Widerstandes zu bedienen
Ein Rezept für atmosphärische, eindringliche und fesselnde feministische Perspektiven auf der großen Bühne.
Man nehme:
Eine Heldin
Annette. Eine stürmische, entschlossene, tolerante, starke Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich nahezu alles selbst beigebracht hat, die Unrecht erzürnt und die regelmäßig vor Wut laut schnaubt. In Teilen ihrer eigenen Geschichte heißt sie »Niemand«, hat aber ein unglaubliches Ziel. Eine Heldin, die noch in ruhigeren Zeiten ihres Lebens »viel mehr [schafft], als unsereins in seinem ganzen Leben hinbekommt«. Woher kommt ihr Mut, sich zu widersetzen und sich selbst immer wieder in Gefahr zu begeben? Eine Heldin, die nicht lange überlegen musste, andere zu retten. Ein Vorbild.
Ein Setting im Kontext des zweiten Weltkrieges, der Nachkriegszeit und dem algerischen Unabhängigkeitskrieg. Geprägt von Revolution, mutigem Widerstand und dem Kampf um Freiheit, in das die Heldin – mal langsam, mal ganz bewusst – hineingerät und das sich rasant zuspitzt.
Eine unglaubliche Geschichte, mit biografischen und historischen Elementen, die immer noch eine ›Wendung innerhalb der Wendung‹ parat hat. In der die Helden immer wieder schnell entscheiden und in Sekundenbruchteilen handeln musste, um ihren Feinden zu entkommen und Menschen zu retten.
Ein Ensemble, dem es gelingt, ein Epos lebendig werden zu lassen, ohne dem bewegenden Text Raum zu nehmen (Adrian Grünewald, Stella Maria Köb, Nikolaus Kühn, Moritz Schulze, Judith Strößenreuter, Andrea Strube, Charlotte Wollrad). Das durch, fast choreografische, Bewegungen auf der Bühne die Dynamik des Stückes verdeutlicht und immer wieder neue emotionale Bilder entstehen lässt. Das durch chorisches Sprechen, kraftvolle Intonation und mitreißendes Sprechtempo einen eindringlichen Erzählstil schafft. Das Elemente der Geschichte mal ins Publikum, mal zur Hinterbühne oder zur Decke, selten zueinander, aber immer äußerst eindrucksvoll episch erzählt. Das durch ganz feine Nuancen in der Darstellung, durch intensive Gestik und Mimik sowie eine dauerhafte Präsenz, ohne einen einzigen Moment Pause, das Stück trägt. Das alles, was die Heldin und die Dynamik der Geschichte ausmachen, einmalig in seiner Sprache, seinem Habitus und seiner Präsenz widerspiegelt.
Eine Bühnengestaltung, die den perfekten Rahmen bildet:
Ein Bühnenbild (Sam Beklik), das in einer bestechenden Klarheit eine Vielzahl an Räumen und Möglichkeiten öffnet und die Atmosphäre des Stückes maßgeblich mitbestimmt. Latten werden zu Leitern, zu Zäunen, zu einer Reling. Später zu einem Gericht, zu einem Gefängnis, zu einem Zuhause. Unterschiedliche Ebenen verdeutlichen Macht und Ohnmacht, Beziehung und Distanz, das Auf und Ab der Geschichte, den Fokus der Erzählung. Dabei changiert alles in Nuancen von schwarz und grau.
Kostüme (ebenfalls Sam Beklik), die durch zunächst unscheinbar wirkende Details Rollen verdeutlichen, Stimmungen auffangen und zu einer wichtigen Orientierung im Theaterabend werden. Interessant dabei war vor allem, dass die Figur der Annette wechselnd durch verschiedene Schauspieler*innen verkörpert wurde. Identische Kostümelemente halfen, sich diese Verknüpfungen zu erschließen und den Wechseln zu folgen.
Eine fein abgestimmte musikalische Untermalung (Dani Catalán Dávila), die durch zarte Töne und die Integration von Klängen aus der lebenden Natur (z.B. Puls- und Herzschlagrhythmen) dem Stück einen fesselnden Charakter gibt, der das Publikum während der gesamten Inszenierung nicht loslässt.
Eine Beleuchtung (Michael Lebensieg), die mit Schatten, mit Unschärfe, mit besonderen Beleuchtungswinkeln spielt. Die einzelnen Aspekte gezielt pointiert und anderen nahezu im Bühnennebel verschwinden lässt.
Gibt man dies alles, unter der Regie von Ebru Tartıcı Borchers, zusammen, erhält man ein intensives Theatererlebnis mit einer hochkarätigen Mischung aus einer bewegenden Lebensgeschichte, einem eindringlichen Erzählstil, atmosphärischer Bühnengestaltung und kraftvollem Ensemble, das Gänsehautmomente garantiert und noch lange nachwirkt. Wie würden wir selbst in einem Unrechtssystem handeln? Wo finden wir unseren eigenen Mut und wie wird ein Mensch mutig, sich gegen seine eigene Ohnmacht zu stellen? Annette gibt dazu ein leuchtendes Beispiel der Couragiertheit.
