Theater einBLICK
Den Nabel der Welt ernstnehmen
Jo, people check this out: Melchior, Otto, Wendla, Martha, Moritz und Ilse are in Town.
Sie sind mitten in der Pubertät und wollen sich selbst entdecken, sich auschecken. Ihre Sexualität, ihre Lüste, ihre Ängste, Unsicherheiten, Ziele und Wünsche lassen sich im Wald entdecken. Im Wald als Metapher für einen Ort, in den die Gefühle projiziert werden können – brauchen sie sich nicht zu verstecken. Alles ist in Bewegung – die Bäume rascheln, Stille, Vögel zwitschern – der Wald nimmt die Gefühle der Jugendlichen auf und resoniert mit ihnen. Hier fühlen sie sich unabhängig vom elterlichen Haus. Diese Eltern können oder wollen sie nicht verstehen. So sucht Wendla (Charlotte Wollrad) ihre Freiheit und möchte die Welt eigenständig entdecken. Ihre Mutter (Jenny Weichert) bringt sie an ihre Grenzen, indem sie zum Beispiel eine »Vergewaltigungsrüstung« zum Geburtstag geschenkt bekommt. Die Angst der Eltern, die Kinder in Welt zu lassen und ihre eigenen Erfahrungen zu machen, führt zu großen Konflikten, die der Autor David Paquet u.a. auf die sexuelle Orientierung verdichtet. Melchior (Stella Maria Köb), im Original ein Mann, ist hier eine Frau, die erfüllt ist von ihrer körperlichen Lust, welches sie auch öffentlich teilt. Martha (Tara Helena Weiß), verliebt in Melchior, will durch Social Media mutige Statements in die Welt schicken. Für Otto (Leonard Wilhelm) ist Geld das Wichtigste im Leben und für Moritz (Adrian Grünewald) ist das sexuelle Begehren eine ferne Welt. Moritz sucht seinen Platz, wo er sich ausdrücken kann, und findet ihn im Theaterspielen. Sein Vater (Daniel Petrenko), gefangen in der Schleife, dass Theater nicht systemrelevant sei und er mit was ›ordentlichem‹ Geld verdienen solle, verbietet ihm das Theaterspielen. Moritz, der Außenseiter, findet im Wald einen Ort, der sich frei anfühlt, wo er einen Selbstmordversuch unternimmt, der von Ilse (Daniel Petrenko) verhindert wird. Eine queere Freundin, die ihn davon abhalten möchte und mit der er reden kann. Nach einem Drogenrausch stürzt Moritz von einer Klippe wie ein freier Adler. Das löst bei seinen Freund*innen große Bestürzung aus. Jede*r geht unterschiedlich mit diesem plötzlichen Tod um. Sein Vater kann nur kurz trauern und fängt mit Otto an, eine Geschäftsidee umzusetzen: Das Fällen der Bäume. Eine Metapher auf den Kettensägenkapitalismus. Das Glück der anderen ist hier nicht wichtig – nur das eigene.
Gefühle sind Momente
Momente, die ich mir schenke
Gegen den Weltuntergang
Für immer Frühlingserwachen
Zu verstehen den eigenen Klang
Im Wald Entdeckungen zu machen
Pulsierend, Pulsierend, Pulsierend
Die Bäume sich im Winde wiegend
David Paquet zeigt in dieser modernisierten Fassung Figuren, die mit sich hadern. Mit moderner Alltags- und Jugendsprache, viel Witz ist dieses Drama unglaublich leicht und lustig, trotz der schwierigen Themen. Unter der Regie von Alexander Nerlich glänzten die Schauspieler*innen und spielten immer wieder überraschende Szenen. Ebenso haben alle ein besonderes Gespür für Timing. Die Bandbreite ihrer Emotionen überträgt sich auf das Publikum, besonders die schüchternen Annäherungen. Immer wieder wechselten die Schauspieler*innen in Szenen ihre Rollen, indem sie mit Hilfe eines Tuchs vor dem Körper, durch den sie den eigenen Kopf stecken(Kostüme: Heike M. Goetze), eine Szene spielten. Das Lustige war, das hinter dem Tuch ein anderer Schauspieler*in stand und die Hände mimte. Sie tragen allesamt Röcke, Tüll und ihre sportliche Kleidung vermittelt das Gefühl des Jugendlich-seins, wo die Geschlechtergrenzen offen sind und jede*r sich noch sucht.
Das Bühnenbild (Heike M. Goetze) besteht aus einer Drehbühne, auf der verschiedene Dinge platziert sind. Ein Kasten, der einem Tonstudio nachempfunden ist, ein Sofa, Waschbecken und eine Toilette. Diese Alltagsgegenstände können die poetische Dimension des Textes vertraut wirken lassen und tragen dazu bei, dass sich Zuschauer*innen damit möglicherweise identifizieren. Die andere Ebene, der eigentliche Wald, sind Baumstämme, die von der Decke hängen. Sie können jederzeit bewegt werden, wenn sich Szenen im Wald abspielen, was zur Immersion beiträgt.
Ein Theaterabend geht mit tosendem Applaus zu Ende. Zu Recht! Ein eindringliches Theaterstück, in dem die Probleme der Jugendlichen von heute mit viel Humor verpackt wurden. Mit großer Wucht und schillernden Rollen expliziert es die Frage, wie sie angesichts heutiger Krisen leben wollen. Wo befindet sich ihr Platz? Fühlen sie sich beachtet – von der Gesellschaft, ihren eigenen Eltern? Das Stück gibt dazu einige Denkanstöße.
