Theater einBLICK
Falstaff sein oder nicht(s) sein
Eine steinerne Halle aus grobem Beton. Neonröhren. Verschiebbare Steinblöcke. Die Bühne des Deutschen Theaters eingerahmt von mächtigen Säulen. Düster, wuchtig, abweisend. Gleichzeitig so reduziert und leer, dass das Ensemble dieses Bühnenbild (Jörg Kiefel) immer wieder neu mit Leben sowie Kontext füllen und zum Raum von zwei Handlungssträngen wandeln kann. Die perfekte Kulisse für die fesselnde Neudichtung von Palmetshofer rund um zwei ›Söhne‹, einen Quasi-König und einen Hedonisten, die parallel in zwei Welten agieren.
| Im Haus der Macht hat der kranke Quasi-König (Bastian Dulisch) die autoritäre Herrschaft über seinen Staat. Er bangt um seine Herrschaft und möchte daher am liebsten ewig leben will. Der Ehrgeizling aus der Provinz Percy (Paul Trempnau) soll sein Nachfolger werden, denn sein Sohn Harri widersetzt sich zu Beginn seiner Pflicht. Percy, ein Hitzkopf und exzellenter Kämpfer soll König werden. Diesem Lebemann, der mit Kate (Lou von Gündell) in einer Beziehung ist, soll Geduld und nochmals Geduld beigebracht werden. Denn Geduld ist für die Herrschaft wichtig, um sie nicht überhastet wieder zu verlieren.
Am Hof sind zwei Allegorien (Hirn und Mundwerk, Judith Strößenreuter und Tara Helena Weiß) Beraterinnen des Königs. Sie flüstern ihm Intrigen ein – agieren affektiert. |
Im Container-Club beginnt die Erzählung ganz unten, ein bisschen trostlos, im Zwielicht.
Da ist John (Gabriel von Berlepsch), ein lebenslustiger und hoffungsvoller, jedoch fast unsichtbarer, zwischen Unter- und Mittel-schicht gefangener, dicklicher Mann, der um Zugehörigkeit ringt. Und Harri (Adrian Grünewald) ein junger Bursche, der das Leben in vollen Zügen genießt, ohne sich viele Gedanken um Vergangenheit, Zukunft oder gar einen Thron zu machen und im Club wie ein König lebt. Als John Harri nach einer durchfeierten Nacht das Leben rettet sind ihre Leben plötzlich in Aushandlungen und Konflikten, Annährungen, Begehren und Distanzierung miteinander verwoben. So wird John, ohne es klar zu erkennen, zum maßgeblichen Element von Harris Zukunft. |
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Als die beiden ›Söhne‹ Harri und Hitzkopf schließlich im Raum der Macht aufeinandertreffen, verschmelzen beide Handlungsstränge miteinander. Während der König zusehends an Substanz und Kraft verliert, kommt es zwischen seinen ›Söhnen‹ zum großen Showdown und plötzlich hat am Ende John, der vielleicht ›Unsichtbarste‹ aller Figuren dieses Spiels um den Thron, das Schicksal in der Hand. |
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| Im Haus der Macht stechen Tara Helena Weiß und Judith Strößenreuter als Mundwerk und Hirn mit ihren Kostümen und Masken besonders heraus, weil sie sich in einem Ränkespiel verrenken. Ein beeindruckendes körperliches Spiel. Bastian Dulisch spielt als autoritärer Herrscher mit viel Geduld und Langsamkeit einen immer schwächer werdenden Quasi-König. Dazu kommen noch die teilweisen erratischen Wutausbrüche, die noch mehr den Charakter eines totkranken Königs herausstellen. Geduld hat der König nicht, obwohl er sie propagiert.
Geradezu im Gegensatz tritt Paul Trempnau als Hitzkopf auf. Aufbrausend und Gewalt als legitimes Mittel sehend, spielt er seine Figur als die Person, die Macht durch Kampf, durch Krieg bekommt. Lou von Gündell als selbstbewusste Kate hält dieser machohaften Männerwelt den feministischen Spiegel vor, indem sie all die Ursachen von Männer-herrschaft analytisch und wütend anprangert. |
Im Container-Club beeindrucken die energiegeladenen, fesselnden Choreografie-elemente (Michael Tucker, Musik: Michael Frei), die in aller Perfektion das Chaos dieses Handlungsstranges betonen. Das Ensemble, insbesondere die Party People (Luca Dresebach und Dario Gödecke) bietet durch die tänzerischen Elemente den perfekten Handlungsrahmen aus Netzstoff, Neon und derbem Humor, in dem Frau Flott (Gaby Dey) in schillernden Outfits die Zügel fest in der Hand hält. Von Berlepsch arbeitet hier kleinste Nuancen des Charakters John so gezielt heraus, sodass die Summe aller Handlungen, Emotionen und Aussagen zu einem authentischen Gesamtbild einer komplexen Figur verschmelzen. Grünewald tritt ihm kraftvoll gegenüber und verdeutlicht eindrucksvoll, durch starken Habitus, die Lebendigkeit und Freude, Gleichzeitig aber auch die Zerrissenheit und Suche eines jungen Menschen. |
Elena Gaus verstärkt mit ihrem facettenreichen Kostümbild deutlich die beiden Handlungsstränge und spielt mit den erlebbaren Unterschieden der beiden Welten (Schwarz vs. Neon, Leder vs. Netzstoff, Prunk vs. Schlichtheit), sodass Charaktereigenschaften klar zur Geltung kommen. Auch historische Verweise z.B. zu den Rosenkriegen werden in die Farbgestaltung der Kostüme von Mundwerk und Hirn stimmig eingeflochten. Insgesamt begleiten die Kostüme die Handlungsstränge, Kontexte und Charakterentwicklungen in feinen, sich verändernden Details, die für das Publikum zu einer Leitlinie im komplexen Geschehen werden.
Dem Regisseur Erich Sidler gelingt eine fesselnde Inszenierung des sprachgewaltigen Dramas mit authentischen Bezügen zur Gegenwart und einer bemerkenswert flüssigen Erzählweise- trotzt häufigen Szenenwechseln in konträren Settings. Insgesamt entsteht ein überwältigendes Erlebnis, das bei den Betrachter*innen eine Bandbreite an Eindrücken, Emotionen und auch Fragen hervorruft, das Publikum jedoch genauso mitlachen, mitfiebern, die Luft anhalten und schließlich in einen langanhaltenden Applaus mit Jubelrufen ausbrechen lässt.
