Theater einBLICK
Heilsamer Prozess des Neulernens
Riesige weiße Geisterhände, die rechts und links der Bühne vom 1. Rang herabfließen, leuchten auf, bewegen sich, werden lebendig – und schon sind sie da: eine Gruppe von sechs Gespenstern, die untereinander tuscheln und durch starrendes Fixieren Kontakt mit dem Publikum aufnehmen.
Das ist der Auftakt zu einem Theaterabend unter Regie von Daniel Foerster, der den Zuschauer in den folgenden hundert Minuten in eine Welt der Gegensätze mitnimmt. Alt und neu, Vergangenheit und Gegenwart, laut und leise, hell und dunkel, tot und lebendig, gut und böse, hörend und taub prallen aufeinander und rütteln vom ersten Moment an mit einem Sinnesrausch wach.
Durch die verwendeten Mittel Tanz, Musik und Spiel verdient sich »Altbau in zentraler Lage« zu Recht die Genrezuordnung als Schaueroper. Und auch das gelungene Bühnenbild von Lydia Huller und Robert Sievert spricht die Sinne an.
Der »Altbau«, auf Stelzen stehend, ermöglicht Einblicke wie in ein Puppenhaus, das mit Küche, Bad und Schlafzimmer komplett eingerichtet ist. Man versteht, dass sich die Bewohner hier wohl fühlen. Doch dem Wohnbehagen ist keine Dauer beschieden: Es kommt zur Zwangsräumung, mit der die letzte Mieterin der Morris-Street Nr. 13 auf die Straße geworfen wird. Fassungslos sitzt die Entmietete mit ihren letzten Habseligkeiten unter den Stelzen wie unter einer Brücke und macht fühlbar, was Obdachlosigkeit bedeutet.
Der Plot ist schnell erzählt: Ein Gebäude von 1880, das aus Vorder- und Hinterhaus besteht, ist in die gierigen Hände von Immobilienspekulanten geraten, die das zentral gelegene Wohnhaus abreißen und an seine Stelle einen lukrativen Neubau errichten wollen. Doch die Spekulanten stoßen auf Widerstand. Zum einen durch die Gespenster – Mieter und Musiker aus dem letzten Jahrhundert – zum anderen durch zwei Mieterinnen, die als einzige Bewohner noch geblieben sind und ausharren. Zoey und Trisha wohnen nämlich gerne hier, wegen der kurzen Wege zur Arbeit (Club und Konditorei), wegen der niedrigen Miete und wegen des Charmes des alten Hauses. Doch leider solidarisieren sich die früheren und die gegenwärtigen Bewohner nicht, sondern befehden einander: mit Musik! Wagner dröhnt gegen Techno, der nächtliche Krach ist grauenhaft und selbst für die taube Trisha nicht auszuhalten, da sie am ganzen Körper den wummernden Bass von Zoeys Technowaffe schmerzhaft spürt. Aus Trishas gestenreicher Beschwerde entwickelt sich eine bewegende Freundschaft zwischen den beiden Frauen, die von Anteilnahme, Fürsorge und eine intensive Kommunikation gekennzeichnet ist – mit Zetteln, Gesten und Lippen.
Und tatsächlich ist Kommunikation das überragende Anliegen des ansonsten thematisch etwas überfrachteten Stücks von Raphaela Bardutzky, das sie gemeinsam mit der tauben Leipzigerin Athena Lange mit und für Hörende und Nichthörende entwickelt hat. Eine Herausforderung für das Göttinger Haus am Wall, das nach Leipzig erst der zweite Aufführungsort ist – aber die komplexen Aufgaben dieser Theaterarbeit werden gemeistert: Unter anderem insgesamt sechs alternierende DGS-Dolmetscherinnen waren und sind bei den Proben und den Vorstellungen beteiligt beim sowohl für Hörende als auch Nichthörende rundum stimmige Bühnengeschehen. Der größere Teil des glänzenden Ensembles spielt in Doppelrollen die zunehmend sympathischen Gespenster und die zunehmend gespenstischen Funktionäre. Die Hauptfiguren der Trisha und der Zoey werden von der tauben Laura Levita Valytė und der hörenden Charlotte Wollrad intensiv und überzeugend verkörpert.
Das Team des DT hat eindrucksvoll bewiesen, dass diskriminierungsfreie Arbeit aufwändig, aber möglich und vor allem nötig ist. Wie gut das sowohl beim hörenden als auch beim tauben Publikum ankam, drückte der lebhafte Applaus, auch in DGS, aus.
