Theater einBLICK

29.06.2026

Nicht schön, sondern frei

Matthias Ansorge, Cornelie Hildebrandt, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 27. Juni 2026
Immer Frühlings Erwachen
Zum Stück

Wendlas 14. Geburtstag ist kein froher Tag. Unter einer Plastikplane sitzt das Geburtstagskind erstarrt auf einem weißen Sofa und erwacht erst zum Leben, als ihre Mutter ihr das Geschenk aufzwängt: ein Kleid, das in seiner Hässlichkeit so entstellend ist, dass Wendlas MitschülerInnen sie darin nicht mehr erkennen und ihnen die Glückwünsche im Halse stecken bleiben. Kaum befreien kann Wendla sich von dem signalfarbenen Ungetüm, dessen Daseinsberechtigung als „Anti-Vergewaltigungsausrüstung“ sich nicht einmal erfüllen wird …

Diese Szene ist eine der ersten, mit der die Neuschreibung von Frank Wedekinds »Frühlings Erwachen« aus dem Jahr 1891 ein, mit welcher der Frankokanadier David Paquet nun eine wuchtige Aktualisierung der »Kindertragödie« – so der Untertitel von Wedekinds Text – leistet. Denn die Themen von einst haben auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Relevanz eingebüßt:

Immer noch ist die Pubertät eine anstrengende, alle Beteiligten fordernde Phase eines jungen Menschen auf dem Weg ins Erwachsenalter, voller Unsicherheiten, Bedrängnissen und Ängsten. Fast scheinen die Unsicherheiten zugenommen zu haben, denn nun ist alles im Fluss: Geschlechtergrenzen verschwimmen, Menschen verwandeln sich in Tiere, Mütter werden in der Menopause ungewollt schwanger und Väter haben keinen Zugriff mehr auf Worte. Selbst die Bäume, die das Bühnenbild rahmen, sind nicht mehr fest im Erdreich verwurzelt, sondern können jederzeit in die Höhe schweben oder auch von oben nach unten wachsen. Obwohl die Bäume, ihrer Blätter beraubt, nichts als nackte Stämme sind, ist der Wald ein Ort der Zuflucht und der Verzauberung, in dem die fünf Jugendlichen Moritz, Wendla, Otto, Melchior und Martha immer wieder von Wogen der Lust, der Kälte und der Gefühle erfasst und durchschauert werden. Ilse, die sechste Jugendliche, die bereits den Schritt aus der Schule heraus in die freie Existenz einer Muse geschafft hat, verschafft sich und Moritz eine zusätzliche Dimension mit einem halluzinogenen Baumsaft, der aus dem Wald als Apotheke gewonnen werden kann. Dieser lässt sich Moritz als Adler fühlen, der sich von einer Klippe herabstürzt.

Und auch Otto hat die Schwelle aus der Adoleszenz heraus mit halbem Fuß getan: Er kann an die erbarmungslose Denkart der Erwachsenen mit erfolgs- und geldorientierten Ideen so gut andocken, dass ihn Moritz’ Vater auf dessen Beerdigung schlankweg adoptiert.

Die jungen Leute tun sich schwer damit, ihre Leidenschaften zu artikulieren. Immer wieder scheitert Melchior, hier eine Sie, in ihrem Versuch, ihr überwältigendes Erlebnis eines Orgasmus auszusprechen. Das Hemmnis ist ein anderes als zu Wedekinds Zeit: Über Erotik, Sexualität und Leidenschaft zu reden, bricht keine Tabus mehr – es ist cringe. Erst, als Melchior auf jede Zuhörerschaft verzichtet, gibt der Wald ihr den passenden Raum, sich im Erzählen erneut Lust zu verschaffen.

In einer Zeit, in der auch die Grenzen zwischen Lüge und Wahrheit, fake und faktum sich auflösen, bekennt sich Moritz, und mit ihm auch der Autor David Paquet, zum Theater, das erst gar nicht versucht, „echt“ zu sein, sondern das Unnatürliche zur Kunstform erhebt.

Nicht immer lädt die Handlung somit zum unmittelbaren Miterleben ein, oft treten die Elemente der Darstellung selbst in den Blick. Hierfür wählt die Inszenierung von Alexander Nerlich (Regie) und Heike M. Goetze (Bühne und Kostüm) Mittel wie eine Drehbühne, in der sich Handlungsorte beliebig verändern, eine tief nach hinten reichende offene Bühne mit Garderobenständern und Requisiten, an denen sich die Schauspieler nach Belieben bedienen können, dem Heben und Senken eines kubischen Rahmens als angedeutetem Haus. Die Kostüme sind ambivalent: Flüssig wie die Gender-Grenzen sind die Kleider und Tüllröcke der Jugendlichen; eindeutig Codiertes ist der Garderobe der Erwachsenen vorbehalten. Alle SchauspielerInnen des sehr homogenen Ensembles übernehmen zugleich mehrere Nebenrollen, in die sie durch Schlüpfen in briefumschlagartige Kostüme wechseln, die von gerade freien Händen hochgehalten werden.

Die thematische und atmosphärische Düsternis wird auch durch die Lichtgestaltung (Michael Lebensieg) ausgedrückte, die den Zuschauer in dunkelgrünes Licht taucht. Doch gibt es Durchbrechungen durch fetzige Gesangs- und Tanzszenen in einer Choreografie von Valentí Rocamora i Torà, in denen sich Lebensfreude und Miteinander der Youngster auf den Zuschauer übertragen, der sich in diesen Pausen dankbar dem Gefühl von Erleichterung hingibt.

Ohne Zweifel kann Paquets Stück eigenständig seine Wirkung entfalten. Dennoch wurden wir wie vermutlich viele, denen Wedekinds Bühnentext aus Theatertradition und Deutschunterricht vertraut ist, zu einem Gedankenspiel angeregt: Wie mag wohl ein-e ZuschauerIn, die ihn nicht kennt, die Handlung auffassen? Die Kenntnis des Originals legt jedenfalls eine ganz andere Annäherung an »Immer Frühlingserwachen« nahe: Was ist wie damals in einer streng wilhelminischen Welt? Was hat sich geändert? Was taucht in neuer Form wieder auf? Möglicherweise bleiben Dinge rätselhaft für jemanden, dem Wedekinds Drama fremd ist – aufregend sind auf jeden Fall beide Perspektiven.