Theater einBLICK
Verlockende Gemeinschaft
»Und was soll ich dich lehren? Das Müllern oder auch alles andere?«, fragt der Meister. »Das andere auch«, antwortet Krabat und mit einem Handschlag besiegeln beide den Pakt. Ein Pakt mit dem Teufel. Allein – nur gerufen durch des Meisters Stimme – kommt Krabat an der Mühle im Koselbruch an und wird neuer Geselle. Schnell entsteht eine Gemeinschaft, in der er sich weniger einsam fühlt. Doch gebunden an die Mühle und den Meister ist das Leben auf der Mühle auch strapazenreich, kräftezehrend und angsterfüllt. Jedes Jahr muss ein Geselle als Tribut an den Gevatter Tod getötet werden und die permanente Angst, etwas Falsches zu sagen, das dem allessehenden Meister missfällt, liegt ständig in der Luft. Aber die Gesellen sind den Verlockungen der Schwarzen Magie erlegen, die ihnen der Meister aus dem Zauberbuch, dem Koraktor, beibringt. Eine Magie, die ihnen vieles ermöglicht, wie das Fliegen oder einen Brunnen versiegen zu lassen. Krabat lernt diese Magie zu meistern, erst einfach als Schüler, dann aber auch, weil er aus dieser Hölle entkommen möchte. Der Meister lässt jedoch nichts unversucht, Krabat mehr Macht zu geben, damit dieser einen Fehler macht. Juro, ein Geselle, der heimlich aus dem Koraktor Zaubersprüche gelesen hat, möchte ihm dabei helfen, zu entkommen. Entscheidend dabei ist: Ein Mädchen, die Kantorka, die ihn liebt, muss ihn beim Meister frei bitten. Versagt sie, sterben beide. Unter den Raben erkennt sie ihn, weil er Angst um sie hat.
Otfried Preußler hat die alte sorbische Sage mit seiner eigenen Biografie verwoben. Im Buch sind deutliche Verbindungen zum Nationalsozialismus zu sehen und seine Erfahrung in einem russischen Straflager fließen hier ebenfalls mit ein. In der Premiere von »Krabat« im Deutschen Theater ist das Thema von Verlockung und Missbrauch beherrschend. Regisseur Janis Knorr hat eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Herangehensweise an die Romanbearbeitung gewählt. Statt einer Vielzahl von Darsteller*innen spielen hier nur drei. Alle Rollen werden von den Schauspieler*innen (Stella Maria Köb, Charlotte Wollrad und Daniel Mühe) permanent in einem atemberaubenden Tempo gewechselt, was sich auch in ihrem Spiel widerspiegelt. Die Schauspieler*innen treten als Einheit auf und der Wechsel zwischen Erzähler*in und Rolle geschieht mühelos. Emotional, mit vielen Zwischentönen, spielen sie diese Bandbreite an verschiedenen Rollen. In dieser düsteren Inszenierung gab es aber auch Szenen, die sehr lustig waren und die Zuschauer*innen ins Schmunzeln brachten: Zum Beispiel als zu Weihnachten ein Weihnachtsbaum mit einem Raben auf die Bühne getragen wurde. Trotz der Heiterkeit überwiegt der Eindruck, dass Regisseur Knorr eine Inszenierung geschaffen hat, die sich ganz auf den Konflikt Krabats richtet und wie er auf der Mühle überlebt. Mit Anfangs leisen Tönen wird die Inszenierung immer lauter und dementsprechend gefährlich für Krabat. Schon der Beginn des Stückes beeindruckte durch leise Töne und einem Lied von Stromae »l’enfer« (Die Hölle, Musik: Sebastian Jurchen). Es handelt von suizidalen Gedanken in der Einsamkeit. Dieses Lied, das immer mal wieder im Hintergrund läuft, bringt noch mal eine viel tiefere Bedeutung in das Stück: Krabat, der sich am Anfang sehr einsam fühlt, zieht es in eine Gemeinschaft, die verlockend ist.
Das Bühnenbild von Ariella Karatolou ist um den zentralen Mühlstein aufgebaut. Schwarze Bauten, in denen jeweils ein LED-Licht installiert ist und auf die Zaubersprüche geschrieben werden, bilden einen Kreis. Auf dem Boden liegt kreisrund Kies, der vielseitig benutzt wird. Jedes Element auf der Bühne hat seine Bedeutung für die Handlung und als am Ende der Kies weggeschaufelt wird, lässt sich ein Auge/ein Feuer und ein Himmel darunter erkennen. Ist es die Freiheit? Ist es der Brand der Mühle? Besonders hervorzuheben ist der Gebrauch der Eingangstür, weil die Gesellen sie öffnen wollen, es aber nicht schaffen. Am Ende der Vorstellung ist der Weg in die Freiheit offen.
Das dt.2 ermöglicht durch seine Bauweise, die das Publikum nah am Geschehen sein lässt, eine viel immersivere Vorstellung. Die identischen, weißgefärbten Kostüme (ebenfalls Ariella Karatolou) aus Jeansstoff tragen dazu bei, die Schauspieler*innen figurenförmig erscheinen zu lassen und fügen sich wunderbar in die Gesamtkonzeption ein. Die Haare sind weiß gefärbt und dazu die Gesellen Arbeitsstiefel.
Eine temporeiche Premiere mit leisen und lauten Tönen ging im Deutschen Theater nach 80 Minuten mit tosendem Applaus zu Ende. Regisseur Janis Knorr hat eine spannende Inszenierungsform geschaffen, die sich auf die Konflikte von Krabat konzentriert und Nebenschauplätze der Handlung weglässt. Es war eine atemberaubende Leistung der Darstellenden, die noch lange nachhallt.
