Theater einBLICK

30.09.2026

Wir schaffen das (nicht)

Vincent Sartorius, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 28. September 2026
Welcome to Schöny – please get the fuck out!
Zum Stück

Tausende Tourist*innen, die jeden Tag am Kreuzfahrtschiffterminal von Schöny ankommen – einem vom Massentourismus überlaufenen Ort mit seiner pittoresken Burg, schönen Häusern und Bergen – und das Dorf erkunden, dort bei Stef (Volker Muthmann) im Restaurant zur Fidelen Makrele essen, ihren Müll u.a. liegen lassen und dann wieder verschwinden, strapazieren die Nerven der Bewohner*innen. Regionale Produkte kommen hier nicht auf den Speiseplan – stattdessen Fastfood, angepasst an die Tourist*innen.  Und dann zog es noch die Macher der Kultserie »Game of Bones« hierher, sodass Schöny noch berühmter, noch überlaufener wurde.

 

Irgendwann reicht es, die Überlastung ist zu groß. Daher lädt Bürgermeisterin (Gaby Dey) die anderen Bewohner*innen zu Beginn des Stückes zu einer Versammlung ein, um Marvin May (Marco Matthes), einen Destinationsmanager, vorzustellen, der sich in den nächsten Wochen durch Interviews ein Bild von der Situation machen will. Das Resultat seiner Befragung: Niemand ist zufrieden. Beispielsweise die Studis nicht, die sich keine Wohnung mehr leisten können, der Naturschützer nicht (Bastian Dulisch), weil die Auerhuhn-Population gesunken ist, die Oma nicht (Gaby Dey), die ihr Klöppelhandwerk nicht mehr verkaufen kann. Eine Volksbefragung unter den Bewohner*innen von Schöny führt dazu, dass das Fischerdorf sich vom Tourismus abriegelt. »Please get the fuck out of Schöny.«  Wie der Massentourismus hat die Abriegelung positive und negative Folgen. Einwohner*innen verlieren ihre Jobs und wandern ab. Preise von ehemaligen Airbnbs werden bezahlbar und Massagesalons und Hotels schließen. Infrastruktur zerfällt. Bewohner*innen müssen wieder ihren eigenen Fisch fischen, statt extra eingeflogenen nicht heimischen Fisch zu konsumieren. Dazu kommt noch, dass die Hochseefischerei, die Fischbestände der Meere reduziert haben. In 50 Jahren würde es wieder heimischen Fisch geben. Die Natur kann sich wieder erholen.

 

Im letzten Drittel des Stückes nimmt Volker Muthmann die Rolle eines Erzählers an, der durch die weitere Vorstellung mit Witz und Satire führt.  Wie wollen wir leben? Wird sich Schöny zu einem verarmten Ort verändern? Gar ein verwaistes Dorf. Oder kann Schöny mit einem neuen Konzept – Natur und Tourismus in Einklang zu bringen – wiederauferstehen? Ein Ort, in dem sich alle wohlfühlen und zusammenarbeiten für eine rosige Zukunft.

 

Regisseur Erich Sidler hat für seine Inszenierung eine wunderbare Mischung aus Klamauk und Ernsthaftigkeit gefunden. Eine herrliche Satire! Die Bühne (Lara Roßwag) ist hier besonders gelungen, weil sie die vielen Orte des Dorfes einbezieht, ohne einen riesigen Umbau zu veranstalten. Gleich einer Postkarte gucken die Zuschauer*innen auf das Geschehen und haben den Blick auf einen Grashügel, auf dem sich die Handlung meist. Vielleicht ist das Gras grüner auf der anderen Seite. Das wohl besondere war ein riesiges angemaltes Kreuzfahrtschiffwand, die von der Seite auf die Bühne kam. Ein kurzer und lustiger Moment.

 

Den Schauspieler*innen gelingt es hier, einen satirischen Parforceritt über Massentourismus zu schaffen, der unglaublich erheiternd gesellschaftliche Fragen stellt – nicht nur die nach dem Kapitalismus – und uns ohne erhobenen Zeigefinger den Spiegel vorhält. Dazu empfiehlt der Autor Fred (Daniel Mühe) das Buch »Zuhause Bleiben- eine Postpandemische Streitschrift«. Dieses Buch zieht sich als Gimmick, vielleicht als Horizonterweiterung durch die Handlung. Es ist ein weiterer Baustein dieser rundum herrlichen Komödie. Sehr zu empfehlen!