Theater einBLICK

08.04.2026

Zur Spaltung vereint

Cornelie Hildebrandt und Matthias Ansorge, Scharfer Blick / Kritiker*innenclub 22. März 2026
Gewalt erben
Zum Stück

Vor Stückbeginn können wir bereits das Bühnenbild (Ken Chinea) studieren: Dunkelblaue Formen deuten im Hintergrund eine Berglandschaft an, die von Zeit zu Zeit von einer kleinen Seilbahn durchquert wird. Auf der Bühne steht eine Wand, zaunartig aus Holzpaneelen zusammengesetzt, für das Innere einer Berghütte. In diese Hütte ist eine Familie mit Wurzeln aus der ehemaligen DDR eingeladen, Abschied von der verstorbenen Mutter und Großmutter zu nehmen. Zugleich teilt diese Wand die Welt in ein Drinnen und ein sehr unwirtliches, winterstürmisches Draußen. Die Verstorbene präsidiert von einem kleinen Votivregal an der Wand aus über das Geschehen. Zu sehen sind eine Fotografie, ein Sammelteller und ein zunächst schwer zu bestimmender Gegenstand, der sich dann als Urne mit der Asche der Toten erweist. So präsent ist sie noch.

 

Nach und nach treffen die Mitglieder der Familie ein: Julian, eines der drei Enkelkinder, übernimmt in Vollmacht und Stellvertretung der Verstorbenen die Gastgeberrolle. Seine Mutter Gabriele erscheint, seine Geschwister, die strebsame Lena und der lebensfrohe Markus – mit Freundin Dalila, die allerdings nicht geladen wurde. Wohl aber kann Hans, der von Gabriele getrennt lebende Vater der Familie, zum Unmut der übrigen Gäste auf eine Einladung verweisen. Eine einsame Flasche Sekt mit Kelch steht schon seit Beginn auf den Stufen der Vorbühne; sie vervielfältigt sich binnen kurzem zu einem ganzen Flaschenwald. Die Hüllen fallen, bald ist man bis auf Unter- und Schlafwäsche entblößt. Es wird laut werden.

 

Denn ein Brief der Großmutter kommt durch Julians Hände auf den Tisch. Ein Erbe ist anzutreten, doch nur eine der geladenen Personen werde begünstigt – diejenige, von der man nach gemeinsamer Übereinkunft annehmen dürfe, dass sie es am besten zum Aufstieg der ganzen Familie aus der Mittelmäßigkeit verwenden werde. Es überrascht nicht, dass die Anwesenden dazu neigen, sich jeweils selbst für den/die ideale/n Erben/in halten und ein Pitch für sich vorbringen, das, ebenso wenig überraschend, von den anderen gnadenlos abgelehnt wird. Gnadenlos in besonderer Hinsicht: Wer aus dem Kandidatenkreis scheidet, wird auch der Hütte verwiesen und in den Schneesturm geschickt. Binnen kurzem ist die Atmosphäre geladen mit Verdächtigungen, Anmaßungen, Vorwürfen. Die Argumente sind vielleicht gar nicht so schlecht: Ist nicht zum Beispiel Dalila als werdende Mutter eines neuen Familienmitglieds die prädestinierte Trägerin der Erblinie? Ja, aber gehört sie denn überhaupt selbst zur Familie? Nun also.

 

So wird das Erbstück zur symbolischen Waffe – die es buchstäblich immer schon war: Ein kurfürstlicher Gardedegen von beträchtlichem materiellen und kaum schätzbarem kulturellen Wert, und wir ahnen: Wie der potenzielle Erbe damit umgeht, wird über Wohl und Wehe der ganzen Familie bestimmen. In Dialogbruchstücken kommen die Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern zur Sprache. Filmeinspielungen, über die Köpfe der Schauspieler an die Bretterwand projiziert, zeigen, wie die Großmutter an das Erbstück kam, wie es dem Zugriff des SED-Staates entzogen wurde, wie sein materieller Wert seitdem immer schon für Unfrieden sorgte. Allmählich entsteht eine Vorstellung von den Zusammenhängen, Fragen ergeben sich: Wer hat ein Recht an Schätzen wie der historischen Waffe? Ist eine Familie wie diese überhaupt eine? Muss man sie an der (Un‑)Fähigkeit messen, eine Aufgabe wie die durch die Erbschaft gestellte gemeinsam zu lösen? Historische Hintergründe fächern das Bild weiter auf: Der Raub jüdischer Besitztümer in der NS-Diktatur, Übergriffe des DDR-Staats auf das Private, deutsch-deutsche Verhältnisse und der Verdacht gegen alle Formen staatlicher Autorität sind einige der Aspekte, die sich zum Teil nur in knappen Andeutungen zu einem üppigen Strauß von Denkanstößen versammeln. Und nicht zuletzt steigt auch das Symbol der geerbten Gewalt selbst aus den metaphorischen Gefilden herab – manchmal ist ein Degen eben einfach ein Degen, und der sticht.

 

Vor unseren Augen laufen flotte und dichte 90 Minuten ab, gehalten durch eine Rahmenhandlung, in der Dalila ihre eigene Flucht aus dem Familiengeschehen als Drehbuch inszeniert. Lars Werners dichter Bühnentext – bereits seine zweite Uraufführung durch das Deutsche Theater Göttingen – verlangt einige Konzentration beim Zuschauen. Nicht jedes der zahlreichen Motive hat die Gelegenheit, sich in aller Ruhe zu entfalten, aber ein hervorragend eingespieltes Ensemble unter der Regie von Michael Letmathe macht den Abend zu einem Theatererlebnis, dem Nachgespräche sicher sind.